ANGEDACHT | Über Gipfelstürmer und Hängemattenchiller...

Dieser ANGEDACHT - Text kommt von Jonas Gahrmann, der zur Zeit für ein Jahr in Peru lebt und arbeitet.

Ich erinnere mich noch genau, wie ich als kleiner Knappe auf meiner ersten Fahrt vor einem gigantischen Berg stand. Matze, mein Gruppenführer, schaute auf die Karte und meinte: ”Also wir haben jetzt zwei Möglichkeiten, entweder querfeldein oder…” da riss ihm schon einer meiner Kameraden die Karte aus der Hand und die ganze Meute rannte gemeinsam laut jubelnd den Berg mit all unserem Gepäck hinauf. Nur ich bildete das Schlusslicht. Ich war schon damals nie vorne mit dabei, wenn es um steile Berge und dann auch noch das Hochstürmen eben dieser ging. 

Ich denke ich bin da nicht der einzige. Vielleicht nicht gerade unter den Pfadfindern, aber zumindest im gesamt EJW, sind vielleicht einige dabei, die sich nicht als die geborenen Gipfelstürmer bezeichnen würden.

Hier in Peru hatte ich vor kurzem eine ganz ähnliche Situation.

Ich arbeite seit nun schon 7 Monaten in einer Hilfsorganisation, „Corazones para Peru“ (Herzen für Peru) in Südamerika. Meine Organisation hat sich als Ziel gesteckt, die Lebenssituation im Valle Sagrado, ein vor 20 Jahren noch mit wenig Infrastruktur ausgebauten, nahe der weltbekannten Inkaruine Machu Pichu gelegenes Tal, in dem die Landbevölkerung größtenteils aus armen Bauern indigener Abstammung besteht, zu verbessern.

Neben Alkoholmissbrauch, schlechten Bildungschancen, ungenügender Inklusion von Behinderten und Sexismus ist auch Gewalt gegenüber Minderjährigen und durch ebendiese Umstände verursachte Verweisung von Kindern ein Problem, mit dem ich hier tagtäglich konfrontiert werde.

Darum kämpft „Corazones para Peru“ seit 18 Jahren durch verschiedene Projekte gegen diese Probleme an.

Neben einem Kinderdorf für 70 Waisenkinder, einem Schulunterstützungsprogramm für 13 Schulen, einem Stipendiatenprogramm für 65 Schüler und Agrar- sowie Gesundheitszentren gibt es auch ein Behindertenprojekt für 70 Menschen mit verschiedensten Behinderungen. Hier verwirkliche ich mich derzeit mit Herzblut tagtäglich, koordiniere Physiotherapie, besuche die Menschen zu Hause und setze mich für ihre Gesundheit, ihre Rechte und für eine bessere Gemeinschaft ein.

Wenn wir Mal nicht arbeiten reise ich durch Südamerika oder wandere durch die unglaublichen Landschaften der Anden. Außerdem machen wir gemeinsam mit allen 15 Voluntarios die in unserem Projekt arbeiten monatlich ein kleines Event.

So sind wir vor zwei Monaten zu den nahegelegenen Salineras gewandert, Salzterassen, mit Hilfe derer angeblich schon die Inkas ihre Suppe versalzen haben.

Nun ist es so, dass wenn man in Peru vor einem Berg steht, muss man sich diesen etwa 10-mal so steil wie einen Durchschnittsberg in Deutschland vorstellen: also ganz schön hoch. So hoch, dass man diesen im Grunde genommen gar nicht hochgehen will. Allerdings gab es einen kleinen Unterschied: Ich rannte diesen Berg mit 4000 Metern begeistert hinauf  und zwar in einem Rekordtempo.

Nun frag ich mich nicht nur woher es kommt, dass ich meine Einstellung zum Gipfelsteigen in Peru anscheinend geändert hat (an meiner Fitness wird es sicherlich nicht liegen, mit 10 war ich da definitiv in besserer Form... :)), sondern auch, ob man das nicht auch ein Stück weit mit unseren tagtäglichen persönlichen Baustellen vergleichen kann.

Ihr müsst wissen ich hatte eine traumhafte Kindheit, ich war, so wie man sich das als naives Kind so denkt, der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt. Ich wusste was ich wollte und ließ mich auch von niemand anderen davon abbringen nach meiner Schnauze zu leben.

Heute ist das anders. Mir ist die Meinung anderer wichtiger geworden, was ja gar nicht so schlecht ist und vor allem lasse ich mich immer wieder von meiner Verpeiltheit und von meinen selbstverschuldeten Arbeitsbergen von den Dingen, die mich eigentlich glücklich machen, abbringen. 

Schließlich häuft sich doch täglich ein, mal mindestens deutsch-peruanischer Berg, an To-Do-Listen, Sorgen, Vorhaben und Herausforderungen an. Nicht zu selten denke ich mir in solchen Situationen wie damals, als ich vor dem Obelisken im Taunus stand: “Das pack ich nie!” 

Darum bahne ich mir einen bequemeren Weg, entlang der Serpentinen hoch und traue mich nicht die Herausforderungen anzunehmen und mich dazu zu bringen die Hürde zu nehmen und die Dinge anzupacken. Dabei geht es oft nicht nur um das gnadenlose Durchpowern, sondern vielmehr darum, einen guten ausgeglichenen Weg für mich selbst zu finden. Lasse ich die Dinge schleifen, wird der Berg höher und höher, die Aufgaben schwieriger und dringender und der Weg immer steiler und es wird schwieriger den Gipfel auch entspannt zu erreichen. Ich muss die Dinge also gestresst, auf die letzte Minute und ohne irgendeinen Plan zurechtbiegen.

Dann bin ich persönlich immer unzufrieden mit mir selbst und weiß dann im nach hinein, dass ich doch besser zeitig und mich selbst disziplinierend die Dinge erledigen sollte. Stattdessen bin ich mal wieder den Weg gegangen, den ich eigentlich von Kind auf gar nicht gehen will, nämlich im Vollsprint den Berg hinauf.

So habe ich es auch in Peru getan. Ich bin die Berge hochgesprintet doch gab es einen Unterschied! Ich kam nicht außer Atem wie am Anfang.

Nicht weit von unserem Kinderdorf ist ein Gletscher, der so genannte Chicon gelegen. Der ist mit seinen 4800 Metern immerhin genauso hoch wie der höchste Berg der EU, der Mont Blanc. Als ich diesen ganz zu Beginn meiner Zeit hochgelaufen bin musste ich immer wieder verschnaufen, und kam nur mit Mühe und Not und auch Kopfschmerzen oben an. Jetzt, wo ich schon vier Mal dort oben gewesen bin, fällt es mir sehr leicht und es ist wie wandern in jeder anderen Höhe auch, ein wenig anstrengend aber gut.

Genauso ging es mir mit der Bewältigung meiner Aufgaben und der Zufriedenheit mit mir selbst zu Beginn hier in Peru. Als ich hier ankam hab ich mehr oder weniger instinktiv gelebt, habe meine Tage nicht geplant und alles war sehr chaotisch aber frei. Ich habe quasi einen Vollsprint auf den höchsten Berg Europas hingelegt und erst danach gemerkt, wie mich die Anstrengung zerrupft hatte. 

Das eigentlich schlimme daran war nicht, dass ich nichts geschafft habe, ich bin schließlich oben angekommen, nein, viel schlimmer war, dass ich gar nichts mehr von der Zeit in Erinnerung hatte.  Ich bin gesprintet, und konnte die ganzen schönen Momente gar nicht genießen und in meinem Herzen aufnehmen. Wie so oft schien der kindliche Instinkt doch der Bessere zu sein.

Nun könnten sich die Gipfelstürmer unter euch denken, ja du sagst es, die letzten Wochen waren hart und anstrengend, neben Uni und Arbeit kam ich gar nicht dazu die Gruppenstunden vorzubereiten, mich abends gemütlich mit einem Tee und meinem Lieblingsbuch an den Kamin zu setzen, so wie wir es so oft in meiner WG hier in Peru machen und vor allem konnte ich die Zeit gar nicht genießen. Ich habe meine Aufgaben zwar erreicht, aber wirklich zufrieden war ich damit nicht.

Und auch die bequemen unter euch, die, die sich ab und zu mal denken, die anderen schmeißen den Laden ja schon, ich hab zwar gestern schon zu Hause gesessen und gechillt, da brauch ich heute ja auch nicht anfangen die Gruppenstunde für morgen vorzubereiten, das Unireferat fertig zu stellen oder die Predigt für den nächsten Gottesdienst schreiben, können sich eventuell noch daran erinnern wie sie die Enttäuschung in den Augen der anderen gesehen haben, die ihr mit eurer Unzuverlässigkeit enttäuscht habt; dieses eine Mal, als ihr die tausend Umwege auf den Gipfel genommen habt und deswegen erst in der Dämmerung wieder zurück wart, und alle schon um die heiße Glut saßen und heißen Chai schlürften.

Ich sage euch ich kenne beide Seiten von mir, den motivierten Gipfelstürmer, der alle anderen Dinge ausblendet und sich den harten kurzen Weg durch energieraubende Abkürzungen zum Ziel bahnt und den bequemen Hängemattenchiller, der erst aus seiner Höhle kriecht, wenn der Bus schon längst abgefahren und die anderen genervt auf dich vor der Bushaltestelle auf dich warten.

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der Weg, der mich glücklich macht, irgendwo dazwischen liegt. Ich muss nicht als erster auf dem Gipfel sein, muss nicht meine Energien verballern um zum Schluss selbst auf der Strecke zu bleiben, müde und ohne Energie und ebenso wenig will ich bei der vierten Pause die Zeit vergessen und mit Sonnenbrand die anderen auf mich warten lassen.

--- Ich will vielmehr dann, wenn ich einen Sprint brauche, meinen Akku durch ausreichende Pausen zuvor mit genügend Energie aufgeladen haben, um eben denen zu helfen, die die Pause in dem Moment brauchen.

Darum findet euren Weg und geht ihn gemeinsam, denn so vergesst ihr die Steigung des Berges und die dünne Luft und könnt voller Energie die atemberaubende Sicht auf eine unglaubliche Landschaft genießen, wenn ihr oben angekommen seid.

Jonas Gahrmann, Kornett in der Heliand-Pfadfinderschaft des EJW und derzeit für ein Jahr in Peru, um u. a. die Gipfel der Anden zu erklimmen.

Sie steigen wie Tiere den Berg hinauf, dumm und schwitzend; man hatte ihnen zu sagen vergessen, dass es unterwegs schöne Aussichten gebe.

Friedrich Nietzsche